
Morgens werden wir von einer Schießerei geweckt, die wir nicht einordnen können. Das Thema Jemen und Grenzgebiet haben wir jetzt oft genug besprochen und diskutiert und beschließen, mal ohne Frühstück zügig zu packen und uns zu entfernen. Wir wollen eh möglichst früh in Jazan sein, um doch noch Tickets für die Fähre zu den Farasan-Inseln zu bekommen. Hans hatte von Abdullah aus versucht, telefonisch Tickets zu organisieren, hatte aber am heiligen Freitag jemanden am Telefon, der klang, als hätten wir ihn gerade geweckt. Tickets für uns gäbe es am nächsten Tag, aber für das Auto erst in einer Woche. Hans dachte in dem Moment, Farasan sei vorbei. Aber so einfach geben wir nicht auf. Schließlich steht im Reiseführer, es gebe eine Wartespur am Hafen, von der aus man quasi auf Stand-by hoffen kann.
Also verhilft uns die Schießerei zur frühen Ankunft in Jazan und wir fahren völlig unbedarft zum Hafen und enden an der Kontrolle an der Einfahrt, wo quasi keiner der bewaffneten Wachleute Englisch spricht. Einer fragt freundlich: "Ticket?" Wir "no", weil wir ja nur auf die Wartespur wollen. Der Freundliche ratlos: "Oh! Problem." Mit Händen und Füßen erklären sie uns, wo wir Tickets besorgen müssen. Also fahren wir zum Ticketbüro, vor dem zwei Männer stehen. Wir gehen rein, ein Mann bedeutet uns, uns in eine der vier oder fünf Stuhlreihen für Wartende zu setzen. Wir schauen auf vier leere Schreibtische und warten. Irgendwann verstehen wir, die beiden Männer vor der Tür gehören hinter die Schreibtische haben aber gerade Pause. Dann dürfen wir vorsprechen und sagen, wir hätten gerne Tickets für die 15.30 Uhr Fähre. Auch hier: für uns Menschen kein Problem, für das Auto übermorgen. Wir bringen unsere Enttäuschung zum Ausdruck, ich sage, dass heute die one chance in my live is - und der Mann fängt an, Unmögliches möglich zu machen. Er will unsere Pässe, ruft jemanden an, das Wort Almania fällt. Wir verstehen auch danach nicht alles, er offensichtlich auch nicht. Aber nach relativ kurzer Zeit haben wir Tickets für die 15.30 Uhr Fähre und fragen, ob auch für das Auto, er sagt, ja, ja, in schallah. Wir können unser Glück nicht fassen. Fragt sich, wie wir zurück kommen. Doch auch das bucht er für uns - falsch. Er bucht uns die Rückfahrt für morgen um 7 Uhr. Oh nein! Doch alles kein Problem, wir sollen auf Farasan einfach ins Ticketbüro gehen und dort die Tickets ändern lassen. Er würde da anrufen und Bescheid sagen. Okay ... mit neun Tickets, Liskas Hinfahrt-Ticket haben wir irgendwie doppelt, verlassen wir ungläubig das Ticketbüro und haben plötzlich Zeit in Jazan, die wir mit einem ersten Kurzausflug unseres Lebens ans Rote Meer und schlechtem Essen verbringen. Kurz noch Wasser, Brot und Obst kaufen, Dunkin Donuts zum Nachtisch und wieder zum Hafen. Die gleichen Wachmänner rufen uns zu: "Tickets?" und unser einheitliches Yes mit Daumen hoch lässt sie uns einfach durchwinken. Im Hafen fahren wir in die Spuren zur Fähre, vor denen ein offizielles Auto steht, aus dem heraus uns ein wiederum sehr netter Mensch zuruft: "Tickets?" Erneut ertönt unser begeistertes Yes. Er fragt weiter "For Sure?" Wieder unser klares Yes! Und wir dürfen in die Spur für "sure" fahren. Erst dann kapieren wir den Sinn seiner Frage und uns fällt auf, dass wir für das Auto gar kein ausgedrucktes Ticket haben und plötzlich gar nicht mehr so sure sind. Mit einiger Mühe fahren wir nochmal rückwärts wieder raus aus der Spur, um mit dem Mann zu sprechen. Er meint, wir bräuchten kein Ticket, die Leute beim Einchecken hätten das in ihren Computern. Irgendwie traut Hans dem Braten nicht, ich bin eher überzeugt, die haben irgendwas gemauschelt, um uns auf dieser Fähre mit Auto unterzubringen. Das Borden beginnt, Liska, Lasse und ich müssen aussteigen und in die Wartehalle gehen, Hans allein aufs Schiff fahren. Wir haben zwar unsere Pässe, aber unsere Tickets sind im Auto. Der Wachmann lässt mich nochmal zum Auto und ich erfahre von Hans, dass er schon noch einmal kontrolliert worden war und die Luft angehalten hat, aber weiterfahren durfte.
Die Wartehalle ist in einen Frauen- und einen Männerbereich unterteilt. Wir beobachten arabische Szenen. Kinder, die von ihren Nannys beschäftigt werden, während Mama in Schwarz verschleiert einfach da ist. Schwarz Verschleierte, die aus einem Auto aussteigt, sich mit minimaler Geste einen Pakistani ordert, der ihre kleine schicke Tasche und eine Papiertüte zu tragen hat. Irgendwann Passkontrolle, Abtasten, Tickets ... ordentlich nach Frauen und Männern getrennt. Ich habe mich selten so fremd auf der Welt gefühlt wie hier. Auf dem Schiff treffen wir Hans wieder. Immerhin gibt es eine Familiensektion, so dass wir zusammensitzen können. Wir sind die einzigen nicht arabischen Menschen, Liska und ich die einzigen nicht verschleierten Frauen. Ein so krasses Gefühl. Nach anderthalb Stunden erreichen wir den Hafen auf Farasan, es dämmert bereits, wir fahren zügig in den Ort zum Ticketbüro, um unsere Rückfahrttickets ändern zu lassen. Auch hier alle total nett und hilfsbereit, einer spricht gut Englisch. Die Menschentickets sind einfach. Für das Auto gibt es nur die Möglichkeit der Wartereihe und plötzlich brauchen wir auch Papiere und die Autonummer. Das Computersystem will etwas, von dem wir denken, dass wir es nicht haben. Alle drei Männer erklären uns, dass die Papiere vermutlich im Auto liegen. Hans und Liska gehen suchen, ich fange an zu diskutieren, dass es doch erstaunlich sei, dass wir ohne diese Papiere bis hierher kommen konnten und es nun für die Rückfahrt anders sein soll. Darauf haben sie auch keine Antwort. Indem Moment kommen Hans und Liska strahlend rein. Hans meint: "I guess we found what you need" und schwenkt ein paar Blatt Papier. Alle drei Männer sind begeistert und wir müssen alle total lachen über die allgemeine Freude.
Mit unseren Tickets machen wir uns zügig auf den Weg, auch wenn klar ist, dass wir unseren Stellplatz nicht mehr im Hellen erreichen werden. Aber wir erreichen ihn, finden ihn, stehen direkt am Roten Meer und bauen unser Lager auf. Es ist total gemütlich, im Mondschein am Strand am Meer. Unglaublich, hier zu sein und hier sein zu dürfen. Und übrigens - die Fähre ist kostenlos. Noch.
